Christliches Trauerseminar ohne Gott?

Vor ein paar Monaten war ich mit meiner Mutter auf einem Trauerseminar, das von einer evangelischen Pfarrerin angeboten wurde.

Was mir erst hinterher aufgefallen ist:

Ich habe Gott in dieses Seminar gebracht!

Denn wir leben in Zeiten, wo sich nicht mal die Pfarrer trauen, von Gott zu reden.

Zunächst stelle ich fest, dass die Anzahl der Teilnehmer bei diesem Trauerseminar viel zu hoch war. Der Raum war sehr groß und wenn ich schätzen müsste, würde ich von  ca. 60 Teilnehmern ausgehen, aber es könnten auch mehr gewesen sein – eine ziemliche „Bahnhofsatmosphäre“ und für mich sehr herausfordernd. Später wurden wir in drei Gruppen aufgeteilt, in denen es persönlicher zuging und man auch etwas erzählen konnte.

Als HSP war das natürlich besonders anstrengend für mich, denn ich musste mich total beherrschen, nicht bei jedem, der etwas erzählte, sofort loszuheulen.

Ich fühlte die Menschen besonders gut, weil ich ja aufgrund meines eigenen Verlusts (mein Vater ist vor einem Jahr gestorben) besonders intensiv mitfühlen konnte. Als Empath fühlt man extrem viel von anderen Menschen, aber wenn man auch selbst eine ähnliche Erfahrung hat, ist die Resonanz noch wesentlich höher.

Ich bereitete mich aber zu Hause schon darauf vor und muss mich jetzt einfach mal selber loben, wie gut ich mich gehalten habe und wie positiv ich geblieben bin, trotz der vielen Emotionen von mir selbst und den anderen! Ich fühlte sie einfach durch mich hindurchfließen und hielt sie nicht fest, steigerte mich nicht rein, und das klappte ganz gut.

Die Arbeit in der kleineren Gruppe fand ich persönlich besser, aber leider war die Zeit dafür zu knapp und die Gruppen wurden viel zu früh wieder aufgelöst. Da hätte ich mir einfach etwas mehr Zeit gewünscht, zumal wir von einer der beiden anderen Gruppen, die in einem anderen Raum gearbeitet hatten, jäh unterbrochen wurden.

Ich möchte jetzt nicht die ganzen Inhalte des Seminars aufzählen, sondern endlich zu meiner Story kommen!

Psychologisch war das Seminar sehr gut gemacht, aber ich hätte erwartet, dass es „christlicher“ zugeht. Erwartet hatte ich „etwas evangelisches“ – schließlich war es ja von einer Pfarrerin.

Als Kind war ich in einer evangelischen Jungschar,und ich kenne einige Menschen, die in verschiedenen nicht-katholischen Kirchen Mitglied sind. Da geht’s eigentlich immer um Gott und/oder seinen Sohn. Also erwartete ich das.

Die Erwartung ist der Ursprung der Enttäuschung

Ich erwartete zu hören, dass Gott uns liebt und wie alles gut wird – oder so. Aber es blieb einfach auf der psychologischen Ebene hängen. Die Methaphern waren gut und auch das Singen zur Begleitung mit der Gitarre, aber es waren nicht die typischen Lieder, die man von solchen Events kennt.

Irgendwie wartete ich die ganze Zeit darauf, dass Gott erwähnt wurde. Wurde er aber nicht.

In der Pause redeten meine Mutter und ich kurz mit der Pfarrerin und wir waren uns sofort sympathisch. Eine sehr coole Frau. Dann gab es Häppchen und ich rauchte anschließend noch eine Zigarette vor der Tür.

Doch als ich wieder reingehen wollte, war sie ins Schloss gefallen!

Ich klingelte, aber keiner machte auf. Es war eine Glastür und ich konnte drinnen niemanden sehen, also war das Seminar schon weitergegangen. Langsam wurde ich panisch und verstand nicht, wieso, schließlich war ich nur kurz rauchen und die Situation war kein Weltuntergang. Es war mir mehr als peinlich, eventuell zu spät zu kommen und ich hatte ein ganz komisches (schlechtes) Gefühl, das immer schlimmer wurde.

Also betete ich zu Gott.

„Gott, das gibt’s doch nicht, bitte mach mir die Tür auf, bitte schicke jemanden… Mama ist doch da drin und wenn ich jetzt wieder zu spät dazu stoße, ist es ihr peinlich, und die Kommentare über Raucher, bla bla [Alex-Geschwätz]…“

… und plötzlich sah ich drinnen eine Gestalt. Gottseidank!

Ich klopfte und hämmerte an der Tür herum und eine etwas kleinere, etwas dickere Dame kam – wie in Trance! – zur Tür und öffnete mir.

Ich lächelte und begann, mich zu bedanken, aber die Frau verzog keine Mine. Sie starrte mich teilnahmslos an. Wie ein Zombie! Sie lachte nicht, lächelte nicht und hörte sich auch meine typischen Raucher-Rechtfertigungen nicht an. Sie sah durch mich hindurch und ignorierte mich. Ich hielt dann einfach die Fresse und ging wieder rein.

Das war weird shit sag ich euch!

Die Ergebnisse aus der Gruppenarbeit wurden zusammengefasst und vorgestellt. Wieder ließ ich mich auf die fremden Emotionen ein, bat Gott um Hilfe und spürte sie durch mich durchfließen. Viele Teilnehmer meldeten sich und berichteten, was ihnen bisher geholfen hatte oder was sie planten zu tun und zu denken, wenn sie wieder von der Trauer überwältigt werden würden. Jedoch…

Kein einziger sagte etwas von Gott !

Ich streckte den Arm in die Höhe und als die Pfarrerin mich aufrief, sagte ich:

„Also das mit dem Übergeordneten haben Sie ja schon gesagt, aber ich würde sagen: GOTT!“

Das Gesicht der Pfarrerin veränderte sich. Es war, als würde die Sonne nach einer langen dunklen Nacht morgens aufgehen. Sie wuchs sogar ein paar Zentimeter (sie ist sehr klein) und grinste mich an wie ein Honigkuchenpferd. Sie freute sich total!

Dann erläuterte sie, dass das Seminar ja „für alle“ war und man sich deshalb für eine neutrale Sprache entschieden hätte. Zielgruppe waren ja nicht Christen, sondern alle, die jemanden verloren hatten.

Im Endeffekt kann ich das mit zwei Worten zusammenfassen: Politische Korrektheit.

„Soweit sind wir schon,“ dachte ich… Von einem christlichen Verein wird ein Trauerseminar mit einer christlichen Leitung angeboten und man traut sich aufgrund der politischen Korrektheit nicht, Gott zu erwähnen!

Als ich sprach, drehten sich viele Teilnehmer um und schauten mich an. Ich spürte ihre Blicke, sah aber weiter nach vorne und konzentrierte mich auf die Pfarrerin, auch wenn ich in Wirklichkeit mit allen Anwesenden sprach.

Ich weiß gar nicht mehr, was ich gesagt habe, aber es ging darum, dass Gott mir über die Zeit, in der mein Vater im Krankenhaus war, und nach seinem Tod die einzige Hoffnung war und mir extrem geholfen hatte, nicht zusammenzubrechen. Das „Übergeordnete“ also Gott hat einen Plan und der Tod ist normal und es wird schon irgendwie immer alles wieder gut – tut mir leid, ich weiß wirklich nicht mehr, was ich gesagt habe.

Bei der Pfarrerin kam es jedenfalls sehr gut an und ich spürte ihre Erleichterung und Freude darüber, dass jemand aus dem Publikum das angesprochen hatte, von dem sie aus irgend einem Grund dachte, sie dürfte es nicht erwähnen. Auch von einigen Teilnehmern spürte ich etwas, kann aber nicht genau sagen, was es war (nichts schlechtes).

Im Gegensatz zu vielen anderen Veranstaltungen fühlte ich mich danach zwar ausgelaugt und fertig, aber nicht völlig kaputt. Seminare sind anstrengend für HSPs, wenn es um Trauer und Verlust geht erst recht. Trotzdem fühlte ich mich nicht komplett energielos, eher wie nach einem intensiven, aber guten Fitnesstraining.

In Zeiten, in denen sich nichtmal die Pfarrer trauen, von Gott zu reden, sehe ich es als meine Pflicht, die Menschen wieder an ihn zu erinnern.

Außerdem sollten wir dem Urteilsvermögen unserer Zielgruppe vertrauen: wenn wir in einem christlichen Verein ein Seminar mit einer christlichen Pfarrerin anbieten, sollten wir davon ausgehen, dass gewusst wird, worauf man sich einlässt. Das Branding ist ja da. Niemand geht zu einem Konzert und erwartet ein Fußballspiel.

Da braucht man keine Rücksicht auf politische Korrektheit oder „fremde“ Religionen nehmen.

Christus kommt nämlich erst recht zu denen, die ihn bisher noch nicht kannten 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.