Rezension: Gras-Engel von Alina Tamasan

Diese Rezension ist von meinem alten Blog und stammt aus dem Jahr 2013.

Vor ein paar Monaten habe ich „Gras-Engel“ von Alina Tamasan gelesen, den Debüt-Roman einer meiner Meinung nach sehr begabten Jungautorin, die ich auch bei Facebook kennenlernen durfte, wofür ich dankbar bin, denn sie ist wirklich eine wunderbare Person. Das Buch ist passenderweise im Engelsdorfer Verlag erschienen und über den (Internet-)Buchhandel erhältlich. Heute möchte ich meinen Senf dazugeben.

Sind alle Menschen Engel? Hat das ganze Leid, haben die vielen unvorhergesehenen Schicksalsschläge in unserem Leben vielleicht einen tieferen Sinn, den wir als die Person, die wir sind, gar nicht erfassen können ob seines Umfangs? Große, philosophische Fragen, die Alina Tamasan stellt, verpackt in einer mitreißenden Story.

Zu Beginn finden wir uns im Gras-Engel, dem Namensgeber des Buches und beliebtesten Gasthaus auf der Ebene der feinstofflichen Wesen. Micah und Mihr (dieser Name dient noch für einige geistreiche Wortspiele), zwei Engel, möchten grob gesagt den Sinn des Lebens erfahren. Sie werden zu Gott persönlich eingeladen, der übrigens in einem bescheidenen, dennoch schicken Landhaus lebt, und erhalten die Erklärung auch direkt von IHM. Jedoch – sie verstehen sie nicht, wie sie auch schon die zuvor befragten Erzengel nicht verstanden haben. Die einzige Möglichkeit: auf der Erde als Mensch eine Inkarnation anzutreten und zu ERLEBEN, was es mit dem Leben an sich auf sich hat.

Heute, irgendwo in Deutschland: die Amnistiker-Sekte, Marktführer auf dem Engels-Sektor (Bücher, Engelskarten, Dekoration, ihr wisst schon), geführt von einer rothaarigen Ida mittleren Alters und ihrem Freund Victor – man ist geneigt, sich eine Liebesbeziehung vorzustellen, es ist jedoch nie explizit die Rede davon – möchte die Menschheit auf die nächste Stufe heben und hat sich der Aufgabe verschrieben, sie in Engel zu verwandeln. Man handelt ökologisch korrekt, die Mitgliedschaft bei den Amnistikern beruht auf freiwilliger Basis, ohne die typischen Elemente einer Sekte außen vor zu lassen, wie z. B. engmaschige Überwachung und dass die Führer im Luxus leben und ausschlafen, während alle anderen um 4:30 Uhr aufstehen und sich gegenseitig rituell waschen müssen, sowie weitere, teilweise komische Kleinigkeiten. Die Amnistiker, die davon ausgehen, der Mensch sei unperfekt, ein „Geschwür am Arsch der Welt“, und müsse sich erst zum Engel wandeln, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, haben sogar eine eigene Stadt.

Sebastian, ein eigentlich nur spirituell interessierter, aufgeweckter junger Mann, der Mitglied der Sekte ist, wird von Ida und Victor auserkoren, im Hauptquartier mitzuarbeiten, denn er wird bei einer Veranstaltung von Ida als potenzieller Engel-Kandidat erkannt. Victor und Ida entschließen sich, an Sebastian ein Mittel zu testen, mit dem man zum Engel werden kann. Schließlich lautet das erklärte Ziel der Amnistiker, jedem Menschen dazu zu verhelfen, zum Engel zu werden. Er wird in Idas und Victors Landhaus eingeladen, um dort eine schwierige Meditation durchzuführen, die eine äußerst schmerzhafte, jedoch die gewünschte Prozedur nach sich zieht: die Verwandlung in einen Engel. Diese wird äußerst plastisch (und blutig) beschrieben, weshalb ich hier einwerfen möchte, dass das Buch zwar durchaus für Kinder geeignet sein KANN, aber eventuell erst ab 12 Jahren.

Hanne, eine Studentin im 14. Semester, lebt noch bei ihren permanent streitenden Eltern. Das sind die dem Alkohol zugetane Altenpflegerin Doris und der eifersüchtige, erfolglose Geschäftsmann Arnold. Hanne setzt sich sehr für die Beziehung ein, muss aber spätestens beim Tod ihres Vaters einsehen, dass die Versuche, die Ehe der Eltern zu retten, grundsätzlich zum Scheitern verurteilt waren. Arnold schleppt nämlich zehn Jahre lang eine unerkannte Diabetes mit sich herum, bevor er eines Tages zusammenbricht und ins Krankenhaus eingeliefert wird. Hanne pflegt ihren Vater zu Hause, bis zum bitteren Ende. Sowohl Hanne, als auch der Leser lernen aus dieser Episode einige tiefe Lebenswahrheiten, die Alina so geschickt verpackt, dass es einem erst einige Zeit später bewusst wird.

In den beiden Haupthandlungssträngen, die Alina am Ende gekonnt zusammenführt, begegnen wir auch immer wieder diversen Engeln und Erzengeln. Da ich den Plot nicht verraten möchte, versuche ich mich ab hier kurz zu fassen:

Die Verwandlung in einen Engel gelingt Sebastian unter Zuhilfenahme eines geheimnisvollen Pulvers, das Victor ihm ohne sein Wissen und mit der Missbilligung Idas unterjubelt, die ihn jedoch gewähren lässt, da sie in Sebastians Verwandlung zum Engel eine Erfüllung ihres Traums sieht. Nach Abschluss der Verwandlung trifft Sebastian als Engel Oofiel seinen Bruder, den Erzengel Jofiel, und erfährt, dass er, um das Ritual abzuschließen, den Erzengel Azrael, Engel des Todes (übrigens ein ganz netter Zeitgenosse, wie Alina ihn darstellt!) rufen muss. Nur er kann die Verwandlung ganz abschließen, indem er den Menschen in Oofiel tötet. Eine Flucht ist selbstverständlich zwecklos, denn Azrael wirkt wie alle Engel jenseits von Raum und Zeit. Dennoch versucht Oofiel alias Sebastian sein Glück und flieht.

Auch Victor versucht sein Glück und nimmt das Pulver. Wie viele, die der schwarzen Magie zugetan sind, verliert er jedoch den Verstand dabei. Wer innerlich nicht bereit ist, ein Engel zu sein, der wird es auch durch Hilfsmittel und Zauber nicht, denn auch zu Victor muss Azrael kommen. Victor verschwindet zunächst von der Bildfläche.

Hanne, die durch ein Esoterikforum im Internet Kontakt zu einem Engel-Medium hat, wird von der Angst gequält, verrückt zu werden: sie empfindet sich bisweilen selbst als Engel, spürt ihre Flügel, nimmt die Welt anders wahr. Dass sie ein Engel sein soll, kann sie nicht akzeptieren, denn im Grunde glaubt sie nicht, dass Menschen Engel sind. Sie hat mit den Amnistikern nichts am Hut, diese Sichtweise ist ihr jedoch mit der Sekte gemein. Es fällt ihr schwer, anzunehmen, ein Mensch könnte bereits ein Engel sein.

Da die Verwandlung in einen Engel mit Hilfe des Pulvers eine ziemlich blutige Angelegenheit ist, ergibt sich für Ida ein Berg Dreckwäsche, den sie im Keller stehen lässt und der natürlich prompt von Werner, der die Einkäufe erledigt, entdeckt wird. Auch ihm fällt das Verschwinden der beiden Männer auf und ehe Ida sich’s versieht, landet sie in Untersuchungshaft: Mordverdacht.

Wie es sich gehört, treffen Oofiel-Sebastian und Hanne, die sich mehr und mehr mit ihrem Engelsein abfindet, aufeinander und verlieben sich. Azrael hält sich zunächst zurück, denn auch er weiß, dass dieses Treffen und die Zeit miteinander wichtig für die Engel sind. Als sie durch das breite Medienecho erfahren, dass Victor vermisst wird und Ida in Untersuchungshaft sitzt, weil sie Sebastian ermordet haben soll, fahren sie mit einer Mitfahrgelegenheit zum Ort des Geschehens, um die Sache aufzuklären. Ida konnte sich während ihrer Haft klarwerden, dass die Idee der Amnistiker auf Englisch gesagt völliger Bullshit ist. Victor, wie bereits erwähnt, zerbricht an seiner Verwandlung zum Engel und landet, wie schon viele Schwarzmagier vor ihm, in der Psychiatrie.

So viele große esoterische Wahrheiten auf kleinstem Raum hätte ich nicht erwartet. Ein wundervolles, mitreißendes und hochphilosophisches Buch, eloquent geschrieben, mit einem flüssigen Erzählstil und erfrischender, abwechslungsreicher Wortwahl.

Ich bin geneigt, den Ort der Handlung teilweise in Karlsruhe, jedenfalls in Baden-Württemberg zu vermuten, einmal aufgrund des Städtischen Klinikums, aber auch wegen der Straßenbahn, der Uni mit dem Rechenzentrum, des Schlossparks und natürlich des Kommissars Ackermann des LKA. Außerdem weiß ich, dass die Autorin (wie ich) in Karlsruhe studiert hat. Ich hatte also vielleicht auch aufgrund dieser Tatsache beim Lesen äußerst klare und scharfe Bilder im Kopf. Den Hauptsitz der Sekte vermute ich im Schwarzwald bzw. der Ortenau im Raum Freiburg, aber ich kann mich auch irren.

Wer den Autor Vladimir Megre kennt, weiß, was ich meine, wenn ich sage, dass Alina die Fähigkeit zur Bildgestaltung besitzt. Trotz des relativ geringen Umfangs des Romans schafft man es als Leser, sich komplett einzufühlen, man sieht, riecht und schmeckt, was die Figuren sehen, riechen und schmecken, man fühlt mit ihnen und kann, lässt man sich darauf ein, die Handlung förmlich miterleben. Das überraschende Ende könnte für den ein oder anderen Leser vielleicht doch ab einem gewissen Punkt vorhersehbar sein („Happy End“), für mich war es dennoch überraschend.

Fazit: Kaufen, Lesen, Genießen!

Ursprünglich veröffentlicht auf blog.creandra.de am 30.12.2013

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